Bewohnis erzählen…

Claudia:

Es ist Mittwoch, einer zwischen Anfang März und Mitte Mai. Um kurz vor 18h dröhnt es in unserer Großküche. Wer sich näher traut sieht mich mit unserem überdimensionalen Pürierstab neben einem unserer großen Töpfe das Abendessen finalisieren. Mittwochs habe ich Küchendienst und bin meist für das Abendessen zuständig. In unseren selbst organisierten Küchenteams hat jede Person einen fixen Tag, an dem für die gemeinschaftliche Versorgung der Bewohner*innen und den Gästen gesorgt wird. Montag bis Freitag brauche ich mich – bis auf den Mittwoch Abend – nicht um Kochen und Abwasch kümmern und habe dennoch zweimal täglich für mich und mein Kind eine warme, hochwertige Mahlzeit auf dem Tisch. Und dann noch oft sehr vielfältig und in Bioqualität mit vielen frischen Produkten aus unserem eigenen Garten. Unsere gemeinschaftliche Küchenorganisation zählt für mich zu einem der Aspekte, die ich am Leben im Cambium sehr feiere.

Gleich wird serviert: Heute gibt es – wie fast jeden Mittwoch Abend im Frühling – Wildkräutersuppe. Auf Basis von Kartoffeln und vor allem vielen frisch (und respektvoll!) gesammelten Wildkräutern ist diese Speise schon beinahe eine Tradition im Cambium. Die Frühlingskräuter enthalten besonders viele wertvolle Mikronährstoffe. Und: es schmeckt richtig lecker – sogar die kleinen und größeren Kinder löffeln meist mit Begeisterung die knallgrüne, reichhaltige Kost. Obendrein ist für ein paar Euro die ganze Meute bestens versorgt. Alles was es braucht sind mehlige Erdäpfel, Zwiebel, eventuell Sellerie, Peterwurz und Pastinaken, Knoblauch, Salz, Pfeffer, Lorbeerblätter und Muskat. Und natürlich den Luxus unseres Waldes, den wir hier genießen dürfen und der uns mit so reich beschenkt. Und die Zeit, die es braucht, das wertvolle Grün zu sammeln. Für mich bedeutet das Sammeln auch, Ort und Zeit für Ruhe zu finden und mich mit unserer Umgebung zu verbinden. Ich beobachte liebend gern, was alles sprießt. So vieles davon in reichhaltigen Mengen und nicht nur essbar sondern obendrein überaus gesund. Brennnessel, Knoblauchsrauke, Schafgarbenblätter, Giersch, Scharbockskraut, Löwenzahnblätter, Melde, Vogelmiere, Labkraut, und noch viele mehr wandern bei mir als Suppen oder Smoothies in den Magen.

Zur respektvollen Sammlung von Geschenken aus der Natur: Die Pflanzenwelt ist von der Gier einiger Menschen (durch Klimaveränderung, Verbauung, agrochemie-intensive Landwirtschaft, invasive Arten,…) bedroht. Darum nehme ich allerhöchstens eins Drittel einer Pflanze von einem Standort. Ich nehme nie das Erste oder das Letzte und nur, soviel ich brauche und lasse für andere etwas übrig. Ich bedanke mich dafür, sammle mit Achtsamkeit und so, dass ich möglichst wenig Schaden anrichte. Um die Lebensweise der Pflanzen zu wissen, die für uns sorgen hilft uns, auch für sie sorgen zu können! Am besten wirken Geschenke, wenn man sie teilt. So macht es mir immer wieder große Freude die satten Gesichter meiner Mitbewohnis und die grün verschmierten Münder unserer Kinder zu sehen und zu wissen: da ist wieder mal ganz viel Liebe angekommen!